Hast du früh gelernt Verantwortung zu übernehmen und Gefühle nur zu zeigen, wenn diese gefragt waren? Bist du spontanen Gefühlsausbrüchen gegenüber skeptisch und unsicher? Vielleicht zeigst du Gefühle nur in Situationen, in denen es der gesellschaftliche Rahmen zulässt, zum Beispiel Tränen und Betroffenheit an einer Beerdigung oder Freude an einer Hochzeit.

Wer früh den Ernst des Lebens kennenlernte und nur beschränkt ein ausgelassenes und fröhliches Kind sein durfte, hat eine Grundhaltung von „Ich muss etwas leisten“ angenommen. Vor allem die Eltern oder bei Fremdbetreuung die jeweiligen Pesonen dürften diese Einstellung vermittelt haben. Dieser innere Leistungsdruck kann beachtliche Erfolge im Beruf bringen, lässt andererseits aber kaum je ganz unbeschwert und glücklich sein.

Eine innere Unzufriedenheit ist nicht eine sinnlose Plage des Schicksals, sondern ein Antrieb, die eigene Gefühlswelt bewusst werden zu lassen. Wer bereit ist, seine kindlich-spontane und emotionale Seite zum Zuge kommen zu lassen, findet Sicherheit in seinen Gefühlen. Dabei gilt es, emotionale Bedürfnisse zu spüren und selbst! für sein Wohlbefinden zu sorgen, wie eine Mutter für ihre Kinder sorgt.

Das Durchleben von Eltern-Kind-Situationen im Beruf oder Privatleben kann dabei eine große Hilfe sein. Nicht nur Kinder vermitteln diese Erfahrung, sondern alle Mitmenschen, für die wir Verantwortung in irgendeiner Form übernehmen. Vielleicht fühlen wir uns von der Elternrolle oder von einem Beruf wie Lehrer, Heimleiter, Personalchef, Krankenschwester oder einer Führungsrolle mit Elternfunktion angesprochen. Wir erleben in der Aussenwelt immer wieder das Zusammenspiel von Kind und Verantwortung, von der Suche nach Nestwärme und Betreutwerden und der Verwirklichung derselben. Wir sollten lernen, ähnlich wie für die äußeren Kinder und Schutzbefohlenen, auch für unseres „inneres Kind“ die Verantwortung zu übernehmen und für sein – das heisst unser! – Wohlbefinden zu sorgen. Nur so finden wir emotionale Sicherheit, die uns auch in schwierigen Situationen nicht verlässt.

Übernimm selbst die Verantwortung für das was du brauchst, um dich genährt und geborgen zu fühlen. Nimm deine Gefühle und Bedürfnisse ernst. Nabele dich seelisch von allem ab, was dich belastet.

Mit grosser Wahrscheinlichkeit kennt jeder von uns eine innere Instanz, die mit erhobenem Zeigefinger in der Haltung eines überstrengen und autoritären Patriarchen nur darauf wartet, uns für unser Handeln, Sprechen und Denken zu kritisieren. Was auch immer wir tun, es ist dem inneren Kritiker kaum je perfekt genug oder richtig angebracht. Solche inneren Zurechtweisungen wirken auf die Dauer sehr verletzend auf Selbstwertgefühl und innere Sicherheit.

So neigen wir dazu, uns an äussere Strukturen zu halten und nach aussen eine Maske von Kompetenz, Autorität und emotionaler Unabhängigkeit zu zeigen. Vielleicht gibt uns eine gesellschaftliche oder berufliche Stellung den dazu nötigen äusseren Rahmen. Doch tief im Herzen könnte der Schmerz über die eigene Unsicherheit kaum zu stillen sein.

Eine andere Möglichkeit, die fehlenden inneren Strukturen durch äussere zu ersetzen, bietet die Projektion. In diesem Fall gibt es in unserem Leben auffallend viele Autoritätspersonen wie Vorgesetzte, Partner oder Vertreter von Staat und Gesellschaft, die sich zwar das Recht herausnehmen, uns Richtlinien vorzugeben, sich letztlich jedoch als unfähig erweisen, ihrer Verantwortung und Stellung gerecht zu werden und unzuverlässig oder allzu rigide sind. Auf diese Weise findet unser innerer Kritiker in der Aussenwelt die „Schuldigen“.

Ob wir uns selbst zum Schuldigen verurteilen oder ob andere Menschen, ein böses Schicksal, eine Krankheit oder Pech und Unglück herhalten müssen, solange unser innerer Kritiker freies Spiel hat, kommen wir nicht aus dem Teufelskreis von Kontrolle, Pessimismus und Schuldzuweisung heraus und verletzen uns und andere immer wieder von Neuem.

Es gilt, die unperfekte Welt anzunehmen und zu akzeptieren, dass die Realität nie ohne Fehl und Tadel sein wird. Es gilt auch, sich seiner Unsicherheit zu stellen und seiner Neigung, sich und andere für Dinge zu verurteilen, die nun mal typisch menschlich sind. Indem wir unsere Schwächen wie treue Freunde oder eigene Kinder annehmen und sie liebevoll beschützen, anstatt sie vom inneren Kritiker auspeitschen zu lassen, entwickelt sich in uns ein Wissen um die Schwächen und Zweifel des Menschen wie um seine Möglichkeiten und Hoffnungen. Wir können so zu unserer eigenen Autorität werden, die unabhängig von gesellschaftlicher und beruflicher Stellung eine innere Sicherheit und Menschenwürde ausstrahlt, im Wissen um die eigenen Schwächen Verantwortung übernimmt und auch andere dazu ermuntert.

Martina